Nachts im Wald

Vorbereitungen für die nächtliche Waldexkursion

Seit einem Jahr arbeite ich zusammen mit 9 weiteren Künstlern an dem Projekt MAGIC FOREST. Neben einer Fotoarbeit werde ich bei der Ausstellung im Februar 2019 auch ein Video präsentieren. Das ganze letzte Jahr über bin ich durchschnittlich zweimal in der Woche im Wald unterwegs gewesen, um die Faszination und die Magie des Waldes mit der Kamera einzufangen. Von Anfang an war für mich klar, dass auch eine Nacht im Wald zu diesen magischen Momenten gehört.

Immer wieder habe ich im Vorfeld recherchiert und viele Berichte gelesen. Von “Erleuchtung” bis hin zu “Horror” war in diesen Geschichten so ziemlich alles enthalten. Ich beschloss, meine eigenen Erfahrungen erst einmal bei einer nächtlichen Exkursion ohne Übernachtung zu machen. Zunächst überlegte ich lange, welcher Platz geeignet wäre und entschied mich für ein Waldstück in Germering, das ich bereits gut kannte. Es war etwa 12 Minuten vom Parkplatz entfernt und liegt in der Nähe eines kleinen Badesees.

Auf dem Weg in den Wald

Dorthin brach ich um 19.30 Uhr vor Sonnenuntergang auf. Mit dabei hatte ich eine Flasche Wasser, eine Taschen- und eine Stirnlampe, eine warme Jacke sowie ein kleines Sitzkissen. Der Fotorucksack durfte natürlich nicht fehlen, sollte aber auch leicht sei. Also beschränkte ich mich auf die Filmkamera, die Fotokamera, ein weiteres Objektiv, Audiorekorder, diverses Zubehör und natürlich – unentbehrlich – das Reisestativ.

Als ich ankam, begegnete ich noch den letzten Badegästen, die sich nun auf den Heimweg machten. 

Mein erstes “Lager” im Wald in der Nähe des Germeringer Sees.

Im Wald angekommen, suchte ich mir einen geeigneten Baum, wo ich sitzen und mich anlehnen konnte. Ich baute meine Ausrüstung auf, richtete die Kamera auf die letzten Lichtstrahlen und machte eine Zeitrafferaufnahme. Bevor es dunkel wurde, rasten auf dem Waldpfad noch einige Mountainbiker und Jogger vorbei.

Die letzten Sonnenstrahlen an den Bäumen

Von wegen Stille

Die Sonne war untergegangen, aber der Mond tauchte den Wald in ein dämmriges Licht, so dass ich die Umgebung noch recht gut erkennen konnte. Ich hörte schnatternde Gänse vom See und die Grillen begannen mit ihrem Konzert. Leider hörte ich auch die etwa einen Kilometer entfernte Bundesstraße. Ein stetes Dauerrauschen und immer wieder Motorradfahrer, die mal kräftig Gas geben wollten.

Dämmerung im Wald

Und einen weiteren Punkt hatte ich nicht bedacht. Es wimmelte nur so von Mücken, die mich ständig attackierten.  Ich beschloss, mir einen anderen Platz zu suchen. Bevor ich meine Sachen packte, hörte ich aber immer wieder ein Rascheln in der nahen Lichtung, die im Sommer so überwuchert ist, das sie zur Zeit unzugänglich ist. Ich sah hinüber und in diesem Moment sprang ein Reh in hohen Sätzen durch das Dickicht. Dann zog ich weiter.

Der Wald im Mondschein

Der Mond sorgt für Licht im Wald

Inzwischen waren die Vögel verstummt und der Mond schien hell auf den Weg. Ich benötigte keine Taschenlampe. Als sich mir eine freie Sicht auf den Himmel bot, machte ich Halt , um die Stimmung mit der Kamera einzufangen. Rechts und links von mir hörte ich es knistern und knacken. Ich sah mich um, konnte aber nichts erkennen. Wieder packte ich meine Sachen und ging weiter. Es war ein heißer Tag gewesen und auch jetzt war es noch angenehm warm. Nach etwa hundert Metern kam mir ein junges Paar entgegen. Sie hielten verliebt Händchen und hörten Musik. Als sie mich sahen, grüßten sie mich freundlich.

Ich setzte meinen Weg fort. Irgendwann würde es schon noch stiller werden. Dachte ich. Auch an meinem zweiten Lagerplatz war die Bundesstraße noch so laut zu hören, dass sie viele Geräusche im Wald übertönte. Ich schaltete meine Stirnlampe ein und ging tiefer in den Wald. Auf weichem, mossbedeckten Boden machte ich es mir gemütlich und wartete. Es war immer noch warm, die Luft duftete nach dem kommenden Herbst und am Himmel blizten ein paar Sterne. Die Baumwipfel ragten majestätisch in den Himmel und bewegten sich nicht.  Auch sonst regte sich eigentlich nicht viel. Dauerrauschen, Motorradfahrer. Ich war enttäuscht, wollte aber nicht aufgeben.

Tiergeräusche in der Nacht

Um 22.15 verließ ich auch diesen Ort und ging noch etwa dreihundert Meter weiter in einen anderen Fichtenwald, den ich auch sehr gut kannte. Unzählige Male habe ich bereits dieses Terrain erkundet. Es ist immer eine ganz besondere Stimmung, wenn man alleine im Wald spazieren geht – in dieser Nacht war es magisch.  Immer wieder blieb ich stehen, um den Geräuschen in meiner Umgebung zu lauschen. Rascheln, Knacken. Aus einer Blumenwiese klang laut das Zirpen der Grillen und Grashüpfer.

Als ich den Wald betrat, scheuchte ich damit einige Tiere auf. Rasche Bewegungen im Unterholz verrieten mir ihre Anwesenheit. Ich schaltete kurz die Taschenlampe ein und sah eine große Futterstelle, die ich zuvor noch nie gesehen hatte. Der Waldboden war zugedeckt mit hohem Gras und Beerensträuchern, die leicht zu Stolperfallen werden können. Hier gab es kein Durchkommen. Also ging ich noch ein Stück weiter, bis ich eine geeignete Stelle für meine Beobachtungen fand. Die Bundesstraße war  immer noch deutlich zu hören.

Nächtliche Begegnung

Ich setzte mich auf einen Baumstumpf und schärfte meine Sinne. Es dauerte nicht lange und ich hörte Laute, die meinen Pulsschlag in die Höhe trieben. Irgendetwas in Bodennähe bewegte sich schnell vorwärts, schnaufte und hechelte. Dann verschwand es auf der anderen Seite des Weges. Nur wenige Minuten später wiederholte sich das Szenario, dann noch einmal. Aber dieses Mal kam das Geräusch immer näher auf mich zu. Ich wagte kaum zu atmen. Das Schnüffeln war höchstens einen Meter von mir entfernt und ich erstarrte. Dann machte es plötzlich kehrt und verschwand in der Dunkelheit. Mein Herz raste und es wurde still.

Grusel und Faszination 

Auf dem Baumstamm sitzend wartete ich auf das nächste Ereignis. Den Ruf von Eulen oder dem Wald- und Sperlingskauz. Auf das Kreischen der Füchse und Bellen der Rehe. Ich hörte noch viele Geräusche, ein Knacken im Geäst und das nervtötende Summen der Mücken, die um mich herum schwirrten und mich stachen, aber keine anderen Tierlaute.

Um 23.20 Uhr ging ich nach Hause. In dem Wissen, dass ich bald wieder nachts aufbrechen werde. In einen anderen Wald, weit weg von einer Straße. Dann werde ich auch länger bleiben. Zugegeben, es war schon ein bisschen gruselig, aber die Faszination “Nachts im Wald” war weitaus größer.

PS: Es waren Dachse, die ich durch den Wald streifen hörte.

4 Kommentare

  1. Hallo Vera,
    du hast nicht nur die Vision ein Projekt zu leiten, Nein du lebst es auch. Respekt! Mit deinem sehr schönen, einfühlsamer Bericht, hatte ich das Gefühl dabei zu sein. Tolle Kombination von Bild und Bericht. Ungeschminkt, keine Fake einfach ehrlich. Danke Vera. Das ist für mich ein Stück Magic Forest. Ich mag deine Newsletter. Bin übrigens auch ein Fan von “Element of Crime” 🙂

    LG
    Lutz

  2. Sehr magisch und spannend dein Bericht und auch sehr mutig deine Aktion. Und der freundliche Dachs hat sich diskret entfernt.
    Kürzlich machte ich die Entdeckung, dass man mit geschlossenen Augen die Geräusche viel intensiver hört. Ich war der alleinige Badegast an einem Weiher. Da lag ich auf meiner Decke mit Augen zu und ich war vollkommen erstaunt, wie viel mehr ich gehört habe. Das gleiche passierte mir an einem belebten Strand. Mit geschlossenen Augen verstand ich jedes Wort der Nachbarn, was mir mit offenen Augen nicht in diesem Ausmaß gelang.
    Vielleicht hörst du noch mehr, wenn du bei Neumond in den Wald gehst, weil es dann noch dunkler ist. Dann hörst du auch dein Herz klopfen.

    1. Liebe Eva, genau das ist der Punkt: Wenn man nichts mehr sieht, sind alle anderen Sinne besonders geschärft. Leider hört man dann halt alle Geräusche (Bundesstraße) sehr laut. Danke für dein Feedback und liebe Grüße,
      Vera

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.